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 Wer-Wesen
Linoma Offline




Beiträge: 1.500

09.02.2011 11:01
RE: Wandlung und Verwandlung antworten

Kinder der längsten Nächte



Die Weltschau der Griechen kannte schon sehr gut die Menschen, »die sich in Wölfe verwandeln«. Als ihre eigentliche Heimat galt der hohe Norden Herodot erzählt vom Volk der Neuroi, das in den Ländern jenseits des Schwarzen Meers und in den Ländern der skythischen Nomaden haust: Einige Tage im Jahr würden sie zu wilden Wölfen. Über die »Hellenen die in Sykthnien wohnen«, wurden solche Bräuche auch in Griechenland besser bekannt. Wie die slawischen Mythologen des 19. Jahrhunderts, etwa J.J. Hanush oder Konrad Schwenck, zeigten, durchdrang dieser Wolfsglaube gewisse nordslawische Völker.



Noch in der Renaissance galt das Treiben der Wolfsleute als eine mehr oder weniger wohlbezeugte naturwissenschaftliche Tatsache. Sie sollten vor allem in den Gebieten mächtig sein, in denen um die Weihnachtszeit und Neujahr die Sonne gar nicht aufgeht. Die lange Nacht galt als ihr jährlicher Festtag. Hanush bezeugt uns noch 1859: »In der russischen und rusinischen Weihnachtsfeier spielen Vermummungen in Wölfe durch umgehängte Wolfspelze und ein Herumrennen in denselben in den Gassen eine Hauptrolle ... «



Besonders wichtig bleibt vor allem der Bericht des hochgebildeten Schweden Olaus Magnus, der 1555 seine berühmte Historia de gentibus septentrionalibus herausgab: Auch er vergleicht die Zeugnisse seiner Zeit mit denen der Antike, von Euanthes, Agriopas und des sehr kritischen Plinius. Noch heute, versicherte er uns im 16. Jahrhundert, kommen die Werwölfe in großer Zahl vor, » zumal in den nach Norden zu liegenden Ländern«. Er erzählt uns dann ausführlich von den Zuständen in Preußen, Livland und Litauen: »Schließlich wird fest behauptet, daß unter jener Schar auch Große dieses Landes und Männer aus dem höchsten Adel sich befinden.«



Ganz bestimmte Plätze in den baltischen Ländern scheinen für den Geheimbund der Werwölfe wichtig gewesen zu sein. Ausführlich schildert uns der schwedische Historiker: »Zwischen Litauen, Samogitien und Kurland ist eine Mauer, der Rest einer veffallenen Burg. Dort kommen zu einer bestimmten Zeit des Jahres einige tausend (!) von ihnen (den Werwölfen) zusammen, und sie prüfen die Geschicklichkeit eines jeden von ihnen im Springen. Wer jene Mauer nicht überspringen kann, wie es den dickeren meist geschieht, der wird von ihren Vorstehern mit Geißeln gepeitscht. Offenbar waren die Menschenwölfe überzeugt, daß sie nur schlanke und schnelle Mitglieder in ihrem Volk haben sollten.



Im Russischen pflegte man einst zu sagen - wie ich es noch als Kind hören durfte -: »Wenn du den Hunger nicht kennst und fett wirst, kannst du niemals in ein Wolfsfell schlüpfen.« Das sagte man im bestimmten Sinne: Ein Mensch, der schon in jungen Jahren alles im Überfluß besitzt, wird faul und träge. Niemals könnte er später eine außergewöhnliche Leistung vollbringen. Im übrigen führen sich im Werk des gründlichen Olaus Magnus die Werwölfe nicht nur tierisch, sondern auch menschlich genug auf. Er erzählt von seinen Werwölfen, die in der Weihnachtszeit die Gegend unsicher machen: »Sie dringen in die Bierkeller ein. Sie trinken dort etliche Tonnen(!) Bier oder Met aus. Die leeren Fässer stellen sie in der Mitte des Kellers aufeinander. Dadurch unterscheiden sie sich von geborenen und echten Wölfen.« Dieses tüchtige Zechen des Wolfsvolks in den langen Nächten ist ganz sicher ein wichtiger Hinweis:



Der Eindruck der Tierleute, sich wirklich in wilde Tiere zu verwandeln, wurde zweifellos durch ihren starken Rausch gefördert. Wichtig scheint uns noch ein weiterer Hinweis des bedeutenden schwedischen Wissenschaftlers: »Dem Ort jedoch, wo sie in jener Nacht (der Verwandlungen) gerastet haben, schreiben die Einwohner dieser Länder etwas Prophetisches zu. « Dies sei offensichtlich eine Erfahrung der baltischen und angrenzenden Stämme »seit langer Zeit«. Hier haben wir möglicherweise einen weiteren Hinweis auf die Tatsache, daß das Volk aller Länder gewisse Plätze in der Wildnis als »heilig« ansieht. Zumindest im Alpenraum sind das häufig Orte, die naturverbundene Menschen der Umgebung als Treffpunkte von Wildtieren kannten. Man betrat sie mit Scheu und Ehrfurcht. Es war schlimmer als Frevel, sie etwa durch die Jagd zu entweihen. Selbstverständlich wurden sie nie durch Abfall beschmutzt. Sagen um Hexen und Hexer, »die sich hier in Tiere verwandeln«, umgeben solche Stellen noch heute.



Es ist darum in den meisten Fällen wahrscheinlich, daß sich hier, an den Lieblingsplätzen ihrer Tiere, deren Verehrer trafen. Sie zogen ihre Felle an und versuchten sich in einer entsprechenden Umgebung in das besonders verehrte Geschöpf möglichst vollkommen einzufühlen. Im Alpenraum und im oberen Rheintal nannte man mir noch etliche Stellen, »wo sich einst Wildkatzen paarten und sich die Hexen in Katzengestalt trafen«. Es ist kaum zu bezweifeln, daß die Angaben von Olaus Magnus im wesentlichen stimmen. Im Norden gab es zweifellos viele Plätze, die mitten im »Wolfsland« lagen: Hier trafen sich die Verehrer der »Fürsten der Nacht« im Fell. In jedem Fall finden wir hier die Erfahrung und Überzeugung der Alten, daß solche Treffpunkte in Wald und Feld von einer bestimmten »Kraft« erfüllt sind. Diese brauchen die Tiere für ihr glückliches Gedeihen.



Die Menschen, die sich mit ihnen wesensverwandt fühlen, suchen sie ebenfalls auf. Gemeinsam versuchen sie, diesen Zauber der Umwelt besser zu erfühlen, zu begreifen und für das eigene Wohlergehen zu verwenden.



Verwandlungen durch 2000 Jahre



Eine verhältnismäßig ausführliche Schilderung der Verwandlung in den Werwolf finden wir bereits beim römischen Schriftsteller Petronius. Er lebte im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung: Zur Zeit des ungerechten Kaisers Nero wurde er aus Neid über seine hohe Bildung in den Selbstmord gehetzt. Mit einem ihm nicht näher bekannten Mann geht der Held der Geschichte, die uns Petronius erzählt, auf nächtlichem Wege. Wie in den ganz modernen Erzählungen und in Filmen um die Werwölfe scheint der helle Vollmond: »Wir machten uns gegen Mitternacht auf den Weg. Der Mond schien so helle, als wenn es Mittag wäre. Wir gingen endlich nun über die Gräber. Da fing auch mein Kerl an, die Sterne zu beschwören ... Der unheimliche Begleiter entledigt sich sodann aller Kleider - und verwandelt sich darauf in einen grimmigen Wolf.



Petronius läßt den Zeugen des Vorganges feststellen: »Es schwindelte mir vor den Augen, und meine Seele wollte aus der Nase fahren . .. « Petronius, der bekanntlich auch er schreckende Geschehnisse mit überlegenem Humor schilderte, will offensichtlich sagen: Der Mensch kann die Verwandlung in einen Wolf nur dann schauen, wenn seine Sinne in eine andere Wirklichkeit blicken. Das helle Mondlicht, eine Umwelt von Wald und Gräbern, die Beschwörung der Sternenkräfte durch den unheimlichen Begleiter - dies alles versetzt den Zeugen in eine gesteigerte Erregung. Ein Schwindelgefühl durchfährt seine Sinne. Die Verbindung der Seele zum Leib scheint sich nun zu lockern. Es wird also dem Menschen fast, als betrete er das Jenseits: Er kann nun Dinge wahrnehmen, die nicht in unserer materiellen Welt stattfinden.



In volkstümlichen Sagen und modernen Romanen verwandelt sich der Werwolf monatlich in sein Lieblingstier - immer wenn am Himmel der Vollmond scheint. Gewisse Berichte, die genau sein wollen, lassen ihn noch viel seltener erscheinen. Nämlich nur: »Die Nächte des Vollmondes während denen der Akonit wächst.« Das ist eine sehr gefährliche Pflanze, die wir als Eisenhut kennen. Sie einzunehmen bedeutet einen qualvollen Selbstmord. Von der Sage wird behauptet, daß die einstigen Hexen und Heiler eine Reihe von Verfahren kannten, um die geheimen Wirkungen unbeschadet benützen zu können.



Immerhin wird von der Naturwissenschaft, die vorsichtig die uralten Überlieferungen zu überprüfen versucht, versichert: Schon wenn man winzige Mengen Akonit mit unserer Haut in Verbindung bringt, entsteht auf ihr eine gewisse Verminderung des Gefühls. Schläft dann der Mensch, der mit allen Vorsichtsmaßnahmen den Versuch unternimmt, empfindet er seine Haut irgendwie »pelzig«! Gerät er darüber in wildes Träumen, so kann es ihm erscheinen, er besitze ein richtiges Fell. Dies sei nur die Folge seines durch das Gift verringerten oder gestörten Empfindungsvermögens...



Im Neuenburger Jura hat man es mir erzählt: Es gab früher Menschen, denen die Jagd in der Wildnis als die höchste Leidenschaft galt. Sie durchstreiften darum in bestimmten Nächten, gemeint ist sicher in denen des Vollmondes, ihr Lieblingsgebiet. Dies taten sie, wenn schon die kalten Winde durch das Land streiften, das welke Laub naß den Boden bedeckte. Es nahte also die strenge Zeit, in denen die Wölfe mit immer kühneren Streifzügen begannen. In der Öde der Nacht, von tausendfachen Düften erfüllt, begann auch der Mensch zu spüren und riechen, als wäre er selber ein wildes Tier. Das Mondlicht und die Schwaden, die vom Eisenhut und namentlich von der Fäulnis im Sumpf aufstiegen, sollen das übrige getan haben. Früher oder später kam über den wilden Jäger der Herbstrausch, seine Wahrnehmung verwirrte sich, unglaubliche Bilder umhüllten den Geist. Wellen der Angst vor dem Unbekannten, dem lauernden Feind, reizten die Nerven bis zum Unerträglichen. Die sich steigernde Spannung zwang die Sinne, jeden Geruch, jeden aufglänzenden Lichtfunken schärfer wahrzunehmen, als es sonst die Gewohnheit von uns Menschen ist. Irgendwo in einer ihm bekannten Höhle oder einsamen Waldhütte endete der Weg des Menschenwolfs. Er fiel auf die bloße Erde und ergab sich endgültig der Traumwelt, die ihn in das Reich der wilden Tiere entführte. Es soll sogar vorgekommen sein, daß er nicht einmal fähig war, ein schützendes Dach zu erreichen. Er fiel auf den bloßen Erdboden und schlief fest ein. Sein Körper zuckte nun auf eine Art und Weise, die den aufmerksamen Zeugen erkennen ließ: Hier war ein Mensch, dessen Seele gierig durch die Wildnis hetzte, als wäre sie ein echtes Raubtier. Manchmal öffnete sich sogar der Mund des Schlafenden, er fletschte die Zähne und ließ ein undeutliches Knurren hören. Die alten Jurassier sollen vor solchen Nachbarn, die schließlich am Tage recht vernünftige Verwandte und Freunde sein konnten, keinerlei Angst gezeigt haben. Fanden sie einen Nachbarn beim Morgengrauen ziemlich nackt im feuchten Grase daliegen, bedeckten sie ihn vorsichtig mit einem warmen Mantel. Sie weckten ihn auf jeden Fall nicht gewaltsam: Sie nahmen an, daß es sonst die noch abwesende Seele schwer habe »zurückzukommen«.



Dieses Begrüßen des Herbstmondes »nach Art des Wolfes« sollte im übrigen viele Vorteile mit sich bringen. Die sonst von kränk]ichen Leuten so gefürchteten »herbstlichen Giftnebel« sollten dem leidenschaftlichen Jäger nichts mehr anhaben. Er konnte nun durch Kälte und Nässe eilen, ohne jedesmal für Tage ins Bett sinken zu müssen. Auch sollte er nun einen Monat lang die Spuren der Beute herausspüren können, als sei er tatsächlich vom Wolfsvolk in dessen Familie aufgenommen worden. Wie schon der Mann bei Petronius konnte er durch ein verrufenes Waldgebiet in der Nacht wandern, als wäre um ihn hellichter Tag. Die bange Furcht vor der Dunkelheit, die in den Herzen der meisten Menschen wohnt, war nun sein Verbündeter. Diese allgemeine Angst erlaubte ihm, was mir ein Jäger aus dem Neuenburger Jura als sein hohes Glück bezeichnete. Er konnte sich als starkes Geschöpf der Nacht empfinden und deren zahllose Geräusche und Gerüche wahrnehmen und genießen: In Augenblicken war er fähig, deren verborgenen Sinn zu entschlüsseln.


Wie man aus seiner Haut »fährt«



Rußland blieb, zusammen mit dem Baltikum, wohl bis heute ein Herd des Werwolfglaubens. Die Auseinandersetzung mit den griechisch-orthodoxen Priestern fand kaum statt. Die malerischen Kirchen waren Inseln der Festfreude, um die in heiligen Zeiten das Volk zusammenströmte. Dazwischen dehnten sich kaum wirklich efforschte Sümpfe und dunkle Wälder aus.



Ganze Stämme, vor dem Schulzwang nur oberflächlich »russifiziert«, hausten an der Grenze zur Wildnis. In ihren Hütten redete man angeblich noch immer besondere Mundarten aus den Gebieten von Ural und Altai. Neben den goldglänzenden Ikonen der christlichen Heiligen verbargen sich in den Nischen der Balken die Ahnengötter: Sie bewachten noch immer die ewigen Gesetze von Jagd, Fischerei und Bienenzucht. In großen Teilen des Landes galten noch immer die Tierkobolde als gute Nachbarn und Lehrer der Lebenskunst auf der eisigen Erde.



Als nach 1700 Kaiser Peter Rußland zu einem »fortschrittlichen europäischen Staat« erklärte schämte man sich allgemein des asiatischen Erbes. Druckereien für Schulbücher und modische Unterhaltung sprossen zwar jetzt wie Pilze aus dem Boden, aber es galt als Schmach, über den echten, noch immer lebendigen Volksglauben in den eigenen Provinzen zu schreiben.



Der ukrainische Edelmann Orest M. Semow (1793-1833) war aber stolz, die verfemten Werwölfe in die Dichtung einführen zu düffen. Seine für Land und Volk kulturgeschichtlich wichtige Tat geschah im romantischen Jahrbuch Schneeglöckchen (Podsneschnik), das im Jahr 1829 in St. Petersburg erschien. Der Verfasser versichert uns, daß er dem überlieferten Volksmärchen folgt. Das ist sicher untertrieben. Er erzählt so lebensecht, daß niemand zweifeln

kann: Der Schriftsteller kannte genug Zeitgenossen, die noch immer vom Dasein der »Verwandler« (oborotni) unter Menschen und Tieren fest überzeugt waren.



Der »Werwolf« ist hier ein Kräuterarzt und Heiler, ein rüstiger Alter, der mit seinem Ziehsohn in einer Waldhütte haust. Wie die Tiere wäscht er sich regelmäßig mit Tau. Obwohl er hie und da Schafe oder Ziegen tötet, nützt er der Allgemeinheit. Er kennt eben die Kräfte der Natur wie kaum ein anderer. Seine Verwandlung in den Werwolf schildert Somow kaum viel anders als fast zwei Jahrtausende vor ihm Petronius: Der Waldzauberer beschwört dazu den leuchtenden

Mond mit den »goldenen Hörnern«.



Im übrigen ist das Volk zum alten Mann sehr höflich. Er wird auch für seine Dienste gegenüber den Dörflern gut entschädigt und ist beneidenswert wohlhabend. Sein Sohn, der sich ebenfalls ein wenig »verwandeln« kann, gilt als recht schlichtes und liebenswürdiges Gemüt: Ein Mädchen ist in jeder Beziehung glücklich, ihn zum Gatten zu bekommen.



Im Gegensatz zu den modernen englisch-amerikanischen Gruselgeschichten um Werwölfe ist hier nichts Böses zu erkennen. Der Werwolf ist für Bauern eigentlich nicht ungewöhnlicher als die »normalen« Wölfe. Der Schaden, den er anrichtet, ist kaum schlimmer als derjenige, den man auch sonst mit dem Kleinvieh hat. Man ist nun einmal den Umgang mit solchen Geschöpfen gewöhnt: Das Leben auf dem Lande ist trotzdem recht gemütlich.



Der Dichter und Volkskundler beendet seine »wahre« Geschichte mit der nach ihm einzig möglichen Nutzanwendung: »Derjenige, dem keine wölfische Art angeboren ist, soll sich niemals als Wolf verkleiden. « Die Sagen und Bräuche um die Werwölfe können demnach also nur in einem Wolfslande voll verstanden und gewürdigt werden.



Von meiner Großmutter hörte ich eine einleuchtende Erklärung: In den endlosen Weiten des europäischen und asiatischen Nordens herrscht die »allmächtige Kaiserin Winter (Zima-Zaritza)«. Der Wolf, der sich in der Kälte um die kürzesten Tage des Jahres sogar paart, gilt als das vielbewunderte Vorbild des Überlebens.



Während die meisten Menschen in den verschneiten Dörfern des finnisch-russischen Nordens um diese Zeit häufig hungern, fasten viele noch zusätzlich vor der »heiligen Zeit der Geburt Christi«. Doch es gibt hier die Wolfsleute, die die »Heiligen Nächte, wenn das neue Jahr kommt«, fast nach Art ihrer Lieblingstiere verbringen: Der Höhepunkt ihrer Feste ist das nächtliche Auffressen von noch völlig rohem Schaffleisch.



Da sie alle vom genügsamen Dasein in Herbst und Winter eher geschwächt sind, wirkt dann das blutige Mahl auf sie geradezu wie ein Zauber. In ihren anschließenden Traumgesichten fühlen sie sich als »echte« Wölfe und heulen mit ihren tierischen Freunden um die Wette.



Da ich als Kind von Tierliebe geradezu zerfloß, weinte ich aus Mitleid mit den Schafen. Die Großmutter tröstete mich mit rührenden Worten: »Durch ihre wilden Mondnächte haben die Verwandlungs-Menschen (ljudi-oborotni) keine Grausamkeit mehr in sich, sie haben sie völlig ausgelebt. Sie gelten, obwohl sie meistens übermenschlich stark sind, als gutmütig und lieb gegenüber ihren Nachbarn und allen Geschöpfen. Einige von ihnen haben von ihrer Raserei während der Waldweihnachten gründlich genug! Im übrigen Jahr meiden sie sogar meist das Fleisch. Sie wenden sich ab, wenn sie Blut strömen sehen. «



Ein Werwolf könnte gegenüber Menschen nur grausam werden, wenn es ihm unmöglich wäre, seine »wilde Seele« auszuleben: »Ohne das Raubtier des Nordens, das er in sich weckt, hätten viele Menschen gar nicht die Lebenskraft gehabt, in dem Schneereich durchzuhalten. « So erscheint ihnen aber ihre harte Umwelt, die sie mit »Wolfs-Sinnen« wahrnehmen können, als »ein silberglänzendes Paradies«.



Wenn ein Mitmensch verbittert, zornig, von allen denkbaren Seiten bedrängt ist, sagt er noch immer: »Es ist zum Aus – der – Haut - Fahren.« Johannes Nepomuk Sepp, dieser wichtige bayerische Kenner des Volksglaubens, sieht hier den Rest des alten Glaubens an den Werwolf. Gerade in der körperlich und seelisch harten Zeit des Jahres soll ja dieser »ausgefahren« sein: Dadurch wurde er frei von der inneren Vergiftung durch Verbitterung, Rachsucht und Zorn.



Rotkäppchen auf dem Schicksalsweg



Im Märchen geht die Jungfrau »Rotkäppchen« durch den finstern Wald. Die Mutter mahnt sie, keinen Schritt vom Wege abzuweichen. Tut sie es doch, holt sie der Wolf. Dieser redet wie ein Mensch und geht auch auf den Hinterbeinen - er ist also deutlich der Werwolf.



Das Märchen wurde mir erst vollkommen verständlich, als der Zigeunergeiger Baschi und ich durch eine Wahrsagerin in die Bildkarten des Tarot eingeweiht wurden: Die weise Frau wirkte in ihrem Wohnwagen vor allem zwischen der Camargue und Avignon. Sie versicherte, daß ihre nahen Ahnen noch um die Jahrhundertwende am Schwarzen Meer herumzogen. Sie seien »etwas ganz Besonderes gewesen«: Sie standen aber auf alle Fälle mit dem Volk der Kupferschmiede und Kesselflicker (halderasch) in enger verwandtschaftlicher Verbindung.



Unter den » Großen Trümpfen (arkanen) « des Tarot war ihr besonders das Bild 18 wichtig. Es zeigt die Nacht und den » über unseren geheimnisvollen Lebenspfaden « schimmernden Mond: Gerade dieser bedeutete ihr zufolge die »tierische Lebenskraft in uns« (la force animale et vitale). Die »Sonne der Nacht« steuert nach dem Volksglauben Ebbe und Flut, Wachstum und Vergehen aller irdischen Wesen. Wir erkennen dies in der monatlichen »Reinigung« der Frauen, deren durchschnittliche Dauer »einen Mondmonat von 28 Tagen« beträgt.



Drohend stehen um den »Weg durch alle unsere Leben« (le chemin de toutes nos vies) zwei Türme, die wohl düstere Kerker enthalten. Vor beiden heult je ein gefährlicher tierischer Wächter den Mond an. Sie gleichen sich in ihren Umrissen und sind doch zwei verschiedene Geschöpfe. Meistens werden sie in der Wahrsage als »Wolf und Hund« gedeutet. Die aus dem Osten einwandernden Stämme haben beide Tiere mit ihren Vorteilen und Gefahren kennenlernen müssen.



Die Erklärung des Sinnbilds lautet: Bist du in der Wildnis, hast du es mit den hungrigen Wölfen zu tun. Bist du nahe der menschlichen Behausungen, dann können dich die den Besitz hütenden Bluthunde anfallen. Du kannst es machen, wie du willst, du mußt dir eins der beiden Tiere als Sinnbild wählen. Eigentlich hat jeder Mensch den einen wie den andern in sich, jedoch nicht gleichermaßen.



Der Wolf ist nach Erfahrung der Nomaden stark, schnell, listig, mit überwachen Sinnen begabt, oft fast krankhaft in seine wilde Freiheit verliebt. Unabhängig und gefürchtet streift er durch die Öden, deren nächtliche Wunder und Schönheiten er kennt wie wohl nicht viele andere Wesen. Doch sein Zustand hat viele Nachteile: Um seine volle Kraft immer neu zu gewinnen, braucht er viel frische Nahrung. Aus diesem Grunde nagt in seinen Eingeweiden meist ein unstillbarer Heißhunger. Er lebt fast mit der ganzen übrigen Welt in erklärter Feindschaft; Rast und gemütliche Ruhe sind für ihn beinahe unbekannte Begriffe.



Der Haushund dagegen hat in der Regel die Schrecken der Wildnis vergessen. Er wird sorgsam gefüttert. Im rauhen Winter besitzt er sein warmes Schlafplätzchen. Sein Besitzer zeigt ihm seine Liebe, streichelt und lobt ihn, was ihm Genuß bereitet; doch er ist dafür ein treuer Diener, der nur nach Befehlen handelt. Lebt eine Hunderasse zu lange bequem, beginnt ihre Entartung. Sie verliert leicht die Schärfe der Sinne und die Stärke der Sehnen.



So geht es, nach den Wahrsagerinnen der Nomaden, auch den menschlichen Völkern auf ihrem Lebensweg. Hausen sie in der wilden Natur, sind sie fast unbesiegbar. Sie leben unter Bedingungen, die uns unvorstellbar erscheinen. Werden sie aber »zivilisiert«, dann nehmen ihre ursprünglichen Energien nach und nach ab.



Der Wolfsmensch wird von Hunger und Winterkälte gehetzt. Der entspannte Lebensgenuß ist ihm unbekannt. Der Hundemensch hat es warm, und es wird ihm von seinen Herren (meistens) pünktlich der Bauch gefüllt; aber wenn er sich nicht um eine gewisse Mäßigkeit bemüht, wird er feist und verweichlicht; zur starken Lebensfreude fehlt ihm dann immer mehr die Energie.



»Es ist schön, in den Häusern der Gadschos (Seßhaften) warm baden zu können«, sagte uns um 1960 die weise Fahrende und Tarot - Philosophin: »Verlieren wir aber völlig den wilden Wolf in uns, geht es uns fast schlimmer als in der winterlichen Wildnis. Wir erlauben uns nicht einmal zu fressen, wenn uns niemand dazu den ausdrücklichen Befehl erteilt. «



Auch andere Lebenssymbole wurden gern auf diesem Bild dargestellt. Der Tarotkenner Basil Ivan Rakoczi versichert uns, »daß man auf den Karten gewisser Wahrsager« drei menschliche Gestalten sieht. Es sind die gleichen, welche die Fahrenden gerne bei ihren Festen (fetes bohemiennes) den Anwesenden vorspielen. Auch sie sollen die unerbittlichen Gesetze des Daseins deutlich machen.



Da ist eine Frau, die schöne Colombina, die von den Fahrenden mit der »Mond - Dame« selber gleichgesetzt wird. Sie ist gleichsam das Bild alles Weiblichen. Dann treten zwei Männer in Jugendblüte auf, die sich beide um die Frau bewerben. Der eine ist der mondbleiche, übermäßig zartfühlende und verträumte Pierrot. Der andere ist der leidenschaftliche, von Lebenskraft effüllte bunte Wildfang Harlekin.



Das Tarot-Bild »Mond« oder »Nacht« heißt dann, wiederum nach Rakoczi, bei den europäischen Nomaden und Wahrsagern »Karte der Träume«. Die Deuter sind überzeugt, daß es für unser »glückliches Überleben« und die Durchsetzung unserer Wünsche im Dasein beides braucht, sonst können wir unmöglich das Ziel unserer Sehnsucht erreichen.



Wir haben eben alle, wenn auch in verschiedenem Maße, beide in uns: den mondsüchtigen Dichter und Träumer, den so leicht enttäuschten und vor jeder irdischen Schwierigkeit zurückschreckenden Pierrot; und den stets angriffigen, durch alle Widerstände und Gefahren nur herausgeforderten zähen Nachtmenschen Harlekin: »Wir brauchen beide«, lehrt uns die Überlieferung.



Dieser Text wurde entnommen aus:

Das Geheimnis der Tiermenschen

Von Vampiren, Nixen, Werwölfen und ähnlichen Geschöpfen

von Sergius Golowin

Die Wahrheit wiegt meistens schwer.

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